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Beim Hören von Musik Farben und Formen
wahrzunehmen ist eine Eigenschaft, die medizinisch gesehen
als Anomalie definiert wird, ich für mich aber als Gabe
der Natur bezeichne. Ich sehe was ich höre, ich male
was ich sehe.
Dazu ein Artikel aus "Psychologie Heute",
erschienen im August 2003, Beltz Verlag:
SYNÄSTHETIK - Vermischte Sinne
Etwa einer von 1000 Menschen kann Buchstaben
oder Musik farbig sehen, Farben hören oder riechen oder
Geschmack als geometrisches Muster wahrnehmen.
Wenn Sabine Schneider das Klavierkonzert
No. 2 von Rachmaninow hört, erscheint vor ihrem geistigen
Auge eine Art dunkelgrüne Höhle. Je nach Rhythmus
der Musik fließen oder springen grüne und regenbogen-farbige
Rechtecke durch diesen Raum.
Sabine Schneider gehört zu den wenigen Menschen, die
einen bestimmten Außenreiz nicht nur mit einem, sondern
mit mehreren Sinnen wahrnehmen. Sie ist Synästhetikerin.
Diese Menschen sehen Buchstaben oder Muster farbig, hören
und riechen Farben oder ertasten Geschmack als geometrisches
Muster.
"Insgesamt hat nur etwa einer von 1000 Menschen synästhetische
Fähigkeiten", schätzt Hinderk Emrich von der
Medizinischen Hochschule Hannover. Dort fand kürzlich
die 1. Internationale Fachkonferenz zur Synästhesieforschung
statt.
Die meisten Menschen mit vermischten Sinnen sind sogenannte
genuine Synästhetiker. Für sie sind bestimmte Außenreize
fest mit einer bestimmten Farb- oder Formwahrnehmung gekoppelt.
Zum Beispiel sehen sie bestimmte Buchstaben des Alphabets
immer in der gleichen Farbe.
Bei den Gefühlssynästhetikern hingegen verschmelzen
die Sinne nur in besonderen Lebenslagen - etwa wenn sie meditieren
oder Musik hören. Was sie vor ihrem inneren Auge sehen,
hören oder ertasten, ist von starken Emotionen begleitet.
"Gefühlssynästhetiker empfinden Gefühle
nicht nur, sie nehmen sie zusätzlich nach einem inneren
Schema wahr", berichtet Emrich. Offenbar wirken sich
diese Fähigkeiten auch auf den Charakter aus. Gefühlssynästhetiker
sind innerlich besonders gefestigt, angstfrei, beständig
und fest in ihrer Persönlichkeit verankert.
Synästhesie wird vermutlich vererbt. Wissenschaftler
wie der britische Psychologe Simon Baron-Cohen nehmen an,
dass bei Synästhetikern eine genetische Veränderung
auf dem X-Chromosom vorliegt. Denn Frauen haben etwa achtmal
häufiger synästhetische Fähigkeiten als Männer.
Das konkrete Gen, auf dem die Veranlagung zur Sinnesverschmelzung
verankert ist, konnte das Team um Baron-Cohen bisher jedoch
nicht identifizieren.
Auch welche neurophysiologischen Prozesse bei synästhetischen
Wahrnehmungen ablaufen, ist noch ungeklärt. Fest steht,
dass das Farbzentrum in der linken Hirnhälfte aktiviert
wird, wenn Synästhetiker bestimmte Buchstabe sehen oder
hören. Das fand kürzlich eine Forschergruppe um
David Linden vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung
heraus.
Aber auf welchem Weg gelangt ein akustischer Reiz in das
visuelle Zentrum des Gehirns?
Möglicherweise sind bei Synästhetikern Nervenbahnen
erhalten geblieben, die "normale" Menschen während
der frühen Kindheit verlieren. Säuglinge müssten
demnach synästhetische Fähigkeiten haben, vermutet
Simon Baron-Cohen. Er konnte diese Theorie in einem Experiment
belegen. Der Brite setzte sechs Monate alte Babys akustischen
Reizen aus und maß dabei ihre Hirnströme in verschiedenen
Gehirnbereichen. Bei allen Säuglingen stellte er nicht
nur Aktivitäten im Hörzentrum, sondern auch im Sehzentrum
des Gehirns fest.
Hindrek Emrich hingegen geht davon aus, dass
bei synästhetischen Wahrnehmungen das Emotions-zentrum
des Gehirns, das sogenannte limbische System, eine Brücke
zwischen den Hirnarealen schlägt. Ein akustisches Erlebnis
etwa löst eine limbische Erregung aus, und durch diese
Erregung wird nicht nur das Seh-, sondern auch das Hörzentrum
aktiviert.
Möglicherweise ist ein ähnlicher
Mechanismus dafür verantwortlich, dass wir überhaupt
mehrere Sinnes-eindrücke als Einheit erleben - etwa duftendes
grünes Gras oder stachelige rote Rosen. Emrichs Theorie:
Das limbische System versieht die einzelnen Sinnes-erfahrungen
mit Emotionen und verschmilzt sie dabei zu einem zusammenhängenden
Ganzen.
Monika Wimmer
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